Bericht unserer Reise nach Rumänien/Bukarest
Veronika Kerres und ich nahmen die Einladung
von Pater Georg Sporschill an und reisten vom
1. bis zum 4. April 2005 nach Bukarest um uns
einen persönlichen Eindruck der von Pater
Georg Sporschill vor 14 Jahren
gegründeten Organisation „Concordia“ zu machen.
Die Organisation „Concordia“ hat es sich
zur Aufgabe gemacht, Straßenkindern aus Bukarests
U-Bahnschächten eine Zukunft zu ermöglichen.
Ihr Ziel ist es, jedes Kind von der Strasse weg in die Selbstständigkeit
zu begleiten. Das ist ein langer Weg, der nur gemeinsam mit vielen Freunden
gegangen werden kann.
Tagtäglich betreuen die Mitarbeiter von Concordia zur Zeit mehr
als 300 Kinder. Diese wollen essen, trinken, schlafen, in die Schule
gehen, spielen, lernen und an ihrer Zukunft bauen.
Auf der Straße warten aber noch immer viele Kinder, die dringend
einen Platz brauchen.
Auch wir vom Evangelischen Gymnasium wollen helfen diese Kinder auf
ihrem Weg zu unterstützen und sozusagen ihre „Freunde“
werden.
Was wir in Bukarest alles erlebten sei hier kurz angerissen:
Veronika und ich kommen in Bukarest am Bahnhof an. Nach 20 Stunden Zugfahrt
stehen wir im wahrsten Sinne des Wortes etwas neben uns und können
uns im ersten Moment nicht so recht orientieren. Hunderte Menschen bewegen
sich an uns vorbei - allein der uns angekündigte Chauffeur mit
einem Schild von „Concordia“ scheint nicht unter ihnen zu
sein. Unser Blick wandert durch die riesige Bahnhofshalle:
Ein Gewirr von Menschen, Verkäufern, Obdachlosen, Bettlern, Kindern,...
tut sich vor unseren müden Augen auf.
Ach ja, Gott sein Dank- ein bekanntes Zeichen sticht uns ins Auge: Mc.
Donalds. Irgendwie ein beruhigendes Gefühl. Wir sind nicht in einer
anderen Welt.
Da kommt auch schon ein junger rumänischer Mann und hält und
das Schild mit dem „Concordia“ Schriftzug fragend unter
die Nase. Wir folgen dem jungen Herrn zum Auto. Er versteht kein Deutsch
und wir nicht Rumänisch. Dennoch fühlen wir uns fürs
erste sicher aufgehoben.
Wir hieven unser karges Gebäck ins Auto und los geht die Fahrt
in Richtung „Casa St. Lazarus“, der ersten Anlaufstelle
für Straßenkinder in Bukarest.

Angekommen vor dem Haus/Heim sind wir überrascht. Nein, es ist
kein altes Haus, sondern ein modernes Haus mit Spielplatz und Garten.
Pater Georg Sporschill erwartet uns bereits in seinem Büro. Er
ist der Mann der ersten Stunde. Er hat dieses Projekt - Kinder aus den
U-Bahnschächten und den Strassen Bukarests zu holen und ihnen ein
geregeltes Leben zu ermöglichen- weg von Drogen und mehr oder weniger
kleinen Gaunereien, - vor 14 Jahren ins Leben gerufen.
Wir sind sprachlos ob des Charismas und der Herzlichkeit dieses Mannes.
Er stellt uns seine Mitarbeiter vor, ohne die hier gar nichts läuft.
Wir merken sofort- wir sind in eine riesengroße Familie geraten:
100 obdachlose Kinder die tagtäglich hierher finden und mit Essen
und Kleidung versorgt werden. Auch für Dusche und Übernachtungsmöglichkeit
ist gesorgt.
Das Wichtigste ist das morgendliche und abendliche Gebet. Alles soll
seinen geregelten Ablauf haben. Dazu gehört nicht nur, dass die
Kinder mithelfen das Haus sauber zu halten, nein auch gemeinsames Beten
und Essen sind von großer Bedeutung.
Jesus ist unserer Mitte, Jesus ist mit uns auf dem Weg und dieser Weg
heißt: Wie findet sich ein Kind von der Straße in ein „normales“
Leben ein? Aber was ist „normal“ für einen 5- oder
12-Jährigen, der außer Drogen und Lackstoffen die inhaliert
werden, Prostitution und Gaunereien nichts anderes kennt? Mama und Papa,
ja die gibt es, aber nicht in der realen Welt. Für sie wird bestenfalls
bei den Fürbitten beim Morgen und Abendgebet gebetet. Die reale
Familie heißt Concordia mit Nachnamen. Florini, Hassan, Christina,
... das sind Brüder und Schwestern. Die neuen Mütter und Väter
sind die Betreuer und Engel im Heim: Ruth, Clara, Andrea, Radu... um
nur einige der selbstlosen Mitarbeiter zu nennen.
Unsere Zimmer gleichen einer süßen kleinen Wohnung –
natürlich ohne Küche, aber wir nehmen ohnedies an den Essenszeiten
mit den Kindern teil.
Zuvor sind wir zum Abendgebet geladen.
Die Kinder erwarten uns schon- sie sind ohnedies die Hauptpersonen -
ohne die wäre ja das Projekt gar nichts wert. Sie sind die bedeutendsten
Personen um die sich Tag und Nacht alles dreht.
Nachdem wir uns frisch gemacht haben und das Zimmer verlassen, sind
wir auch schon von ihnen umzingelt.
Alle rufen uns in ihrem gebrochenen Deutsch ihre Namen zu, wollen wissen
woher wir kommen und wie wir heißen. Was uns aber wohl am meisten
fremd ist, ist diese körperliche Nähe. 20 Paar Hände
und Gesichter sind uns entgegengestreckt, einzig um eine Umarmung, einen
Händedruck oder ein Küsschen auf die Wange zu erhaschen.
Wir gehören plötzlich zu dieser Familie dazu. Wir sind Fremde
und doch sind wir innerhalb 2 Minuten Brüder und Schwester. Oder
soll ich eher sagen- Tanten? Wir sind dermaßen berührt und
lassen alles mit uns geschehen. Es ist das wundervollste Gefühl,
so unbefangen willkommen geheißen und geherzt zu werden.
Vor dem nun anstehenden Abendessen (wir sind bereits sehr hungrig von
der Reise) wird gemeinsam gesungen und gebetet. Jeder darf eine Fürbitte
aussprechen- was würden wir dafür geben um diese zu verstehen.
Manchmal können wir die Namen der Mitarbeiter und natürlich
den Namen Pater Georg heraushören.
Alles in allem dauert die Gebetszeit eine Stunde, es sind alle anwesend
und wir spüren den Geist Jesu in dieser einen Stunde durch den
kleinen Raum wehen.

Das Abendessen gestaltet sich zur nächsten Herausforderung.
Jeder will bei Veronika und mir sitzen. Wir freuen uns ob der Ehre und
nehmen an den Tischen Platz. Schon kommt die Suppe mit Weißbrot
und als Hauptspeise ein köstlicher Bohneneintopf. Uns schmeckt
das einfache Essen wohl an dem Tag am besten - wenn wir bloß zum
Essen kommen würden... jeder am Tisch hat das Bedürfnis uns
etwas zu erzählen. An und für sich ja eine wunderbare Sache,
aber wir verstehen ja noch immer kein Wort Rumänisch. Die Sozialarbeiter
übersetzten uns so weit wie möglich die Fragen der Kinder
und unsere Antworten.
Mich berührt die Geschichte der jungen Roma Frau neben mir. Sie
ist etwa 25 Jahre alt und hat bereits 2 Kinder. Das letzte kam erst
vor einem Monat auf die Welt. Doch nachdem man ihr kein Kind zu Erziehung
anvertrauen kann, wurden die 2 Kleinen bereits in einem der anderen
Heime von Concordia untergebracht – Heime die wir am nächsten
Tag erst besuchen werden.
Nach dem Abendessen beginnt mehr oder weniger die Nachtruhe. Die Kinder
machen sich bettfertig. Nun ob man von Betten reden kann, sei in diesem
Fall dahingestellt. Sie dürfen auf lederbezogenen Bänken in
Schlafsäcken schlafen.
Was uns etwas hart erscheint ist für diese Kinder Luxus, denn wenn
sie nicht in das Haus Lazarus schlafen kommen, haben sie nur die U-Bahnschächte
als Alternative. Dort herrscht eine Art Mafia und damit man dort überhaupt
schlafen kann, werden Lackstoffe inhaliert.
Der nächste Morgen beginnt wiederum mit dem Morgengebet und vielen,
vielen Fürbitten. Danach Frühstück mit selbst gebackenem
Brot und Butter wie Marmelade.
Für Veronika und mich geht es nach dem Frühstück weiter
mit der Entdeckungstour in ein Concordia Heim mitten in der Stadt.
Was wir da zu sehen bekommen, verschlägt uns die Sprache. Wir ringen
im Übrigen ständig nach Worten so überwältigt sind
wir von all den neuen Eindrücken, die Hoffnung in der Hoffnungslosigkeit
wiederspiegeln.
Ich weiß nicht, wie ich dieses Heim beschrieben soll. Am besten
ich versuche es mit den Attributen die einem sofort einfallen wenn man
das Haus betritt. Wärme, Herzlichkeit, Friede, Geborgenheit...
Das Haus ist wunderschön renoviert. Alle Räume sind mit Holzböden
ausgelegt und die Zimmer sind mit warmen Farben wie Rosa, Gelb und Grün
ausgemalt. Die Holzmöbel tun ihr Übriges um aus einem Kinderheim
ein Zuhause zu machen.

Die Kinder (wir schätzen ihr Alter so zwischen 5
und 15 ein) stürmen herbei und diesmal sind es Kinder, die mehr
als gepflegt auf uns wirken. Es sind jene Kinder die vor längerer
Zeit von der Straße kamen, sich im Heim Lazarus „bewährt“
haben und sich nun in ein geregeltes Leben eingefunden haben. Ich habe
ein Mädchen sofort ins Herz geschlossen. Christina ist ihr Name.
Sie ist 8 Jahre alt und drückt mich so fest an sich, als ob ich
ihre Mutter wäre. Im Gegenteil zu vielen anderen Kindern hat Christina
noch Eltern für die es aber unmöglich ist eine Tochter aufzuziehen.
Christinas Augen strahlen, als ich ihr ein Haarband von mir mit einem
Herz um das dünne Handgelenk binde.
Leider haben wir nicht viel Zeit uns diesen Kindern länger zu widmen,
denn die Reise geht weiter in das neueste Heim von Concordia:
Dieses liegt weiter außerhalb von Bukarest und wird COK genannt.
Dort angekommen fehlen Veronika und mir schon wieder die Worte. Es sind
4 wunderschöne Holzhäuser- die eigentlich an eine tolle Holzhaussiedelung
am Rande Wiens erinnern.
Sprachlos sind wir auch über die süße Innenausstattung
der Heime, die je 12 Kinder fassen. Diese sind zwischen 3 und 12 Jahre
alt.
Am liebsten würden Veronika und ich alle von ihnen nach Österreich
mitnehmen- so süß sitzen sie beim Mittagstisch und schauen
uns mit großen, fragenden Augen an...
Wir dürfen auch noch einen Blick in die Kapelle und in den Turnsaal
werfen, bevor wir uns weiter auf dem Weg auf die „Farm“
machen.
Nach einer etwas halbstündigen Fahrt mit dem Bus werden wir auch
dort schon mit Gesang erwartet. Rumänische Volkslieder des Kinderchors
lassen uns ganz schnell vergessen, dass wir schon hungrig sind. Auch
hier dürfen wir uns die einzelnen Häuser ansehen.
Den Höhepunkt stellen auf der Farm jedoch die Werkstätten
dar.
Wir besichtigen so die eigenen Bäckerwerkstatt und Tischlerwerkstatt
von Concordia.
Einmalig! Schon rattert es in meinem Kopf. Wie wärs mit einer Kooperation
unserer schuleigenen Werkstätten mit jenen von Concordia? Ich denke
an Austausch von Know- How, gegenseitigen Ideen, Innovationen und natürlich
gegenseiten Besuchs unserer Schüler und rumänischen Kinder
... aber das ist alles noch Zukunftsmusik...
Zunächst müssen wir einmal unsere neuen Freunde kennen lernen
und auch unseren Schülern in Österreich vorstellen.
Schließlich ist die Besichtigungstour zu Ende und wir werden zu
einem einfachen aber köstlichen Mahl eingeladen.
Kaum kommen wir nach der anstrengenden Fahrt (die Straßen in Rumänien
sind eine einzige Katastrophe) zurück ins Heim Lazarus, dürfen
wir uns auch schon wieder zum täglichen Gebet mit den Kindern einfinden
um danach von Pater Sporschill zum Essen ausgeführt zu werden.
Es begleiten uns auch 2 Kinder.
Das Lokal ist ein Geheimtipp, verspricht uns Pater Sporschill.
Er sollte Recht behalten. Noch nie zuvor wurden wir mit so vielen Sorten
von Fisch verwöhnt wie an diesem Abend.
Müde und mehr als gesättigt an Eindrücken und Essen fallen
wir ins Bett. Es war ein langer Tag, der wohl in unseren Träumen
seine erste Verarbeitung erfährt.
Der Sonntag ist geprägt von Abschiednehmen. Veronika und ich sind
wehmütig und traurig. Auch wenn wir nur 2 Tage Teil dieser Familie
sein durften, so ist es ein eigenartiges Gefühl hier wieder wegzufahren.
Heim in unsere Wohnungen in Wien und Niederösterreich. Heim in
das für uns so selbstverständliche Luxusleben...
Zuvor sind wir aber noch einmal eingeladen- bei einem äußerst
erfolgreichen Bildhauer – Aurel Vlado- auch Bukarest. Extra für
uns wird die Galerie aufgesperrt und uns vom Künstler höchst
persönlich ein Vortrag über seine Werke gehalten.
Danach sind wir wieder zum Essen eingeladen. Überzeugt davon, dass
wir bestimmt nach dem gestrigen üppigen Mahl keinen Bissen essen
können, werden wir in der Werkstätte des Bildhauers eines
Besseren belehrt.
Gemütlich geht es hier zu. Der Rotwein schmeckt bekömmlich-
vom selbst zubereiteten Essen von Frau Vlado erst gar nicht zu sprechen.
Hier in dieser urigen Werkstätte bekommt das Wort rumänische
Gastfreundschaft wieder ein neue Dimension für uns. Wir lachen,
tanzen, plaudern und musizieren. Es ist alles so leicht hier, hätten
wir nicht das Erlebte im Hinterkopf.
Jetzt fällt uns der Abschied so richtig schwer.
Während der 20-stündigen Fahrt nach Wien, gehen wir alle Erlebnisse
noch einmal in Gedanken und Worten durch und Veronika und ich sind überzeugt:
Diese Reise hat unseren Horizont mehr als erweitert. Wir wollen dieses
Projekt unterstützen – mit der Hilfe der Schüler des
evangelischen Gymnasiums.
Es gibt viel zu tun- helfen sie uns helfen!!!!
Danke
Ihr Religionslehrerteam!!!
Nähere Informationen erhalten sie per e-mail:
angelikaresch@gmx.at
oder direkt bei der Organisation von Concordia:
Sozialprojekte P. Georg Sporschill SJ
1020 Wien, Hochstettergasse 6
Fax: 0043/1/212 81 49/23
E-Mail: concordia@chello.at
