Das Evangelische Gymnasium ist, wie alle evangelischen Schulen, eine
wesentliche Lebensäußerung der Evangelischen Kirche und kann
mit Johann Amos Comenius als eine "Werkstätte der Menschlichkeit"
verstanden werden.
Die Bildungsschwerpunkte orientieren sich am einzelnen Menschen und
sind geprägt durch die Kultur der wechselseitigen Anerkennung,
also Bildung und Erziehung als Zuwendung und Annahme. Dieses Bildungsverständnis
weist über den Einzelnen hinaus. In der konkreten Begegnung wie
in der bewussten Reflexion wird die Hinwendung zum anderen zu einer
zentralen Erfahrung. So kann für die Schülerinnen und Schüler
durch eigenes Engagement erfahrbar gemacht werden, was Menschsein und
menschliche Gemeinschaft meint. Sie erweitern und verändern den
Ansatz des sozialen Lernens, indem sie diese Erfahrungen aus dem christlichen
Verstehenshorizont heraus begründen und deuten.
Damit wird auch ein Beitrag für die Akzeptanz einer Solidargemeinschaft
geleistet, die auf die Stärkung des Einzelnen ebenso angewiesen
ist wie auf dessen Erfahrung im Umgang mit eigenen und fremden Grenzen,
mit Alter und mit Behinderung.
Die kommunikative Zuwendung zum anderen findet ihre Grundlegung in
der christlichen Glaubenserfahrung, dass jeder Mensch von Gott bedingungslos
angenommen ist. Mit diesem Verständnis von Wert und Würde
des Menschen wird über die Ebene von Leistung und Können hinausgewiesen.
Deshalb wird der bewusste Umgang mit Schuld und Versagen in den schulischen
Alltag einbezogen. Vergebung und Versöhnung wird auf dem Hintergrund
biblischer Überlieferung sowohl als Grundlage wie auch als Ziel
pädagogischen Handelns und gelebter Schulkultur in Lehrerzimmern,
Klassenräumen und im Umgang mit Eltern verstanden. So sollen junge
Menschen nicht nur auf ein "sinn - volles" Leben vorbereitet
werden, sondern die Sinnfrage auch in die schulischen Gegenwart stellen
lernen und stellen dürfen.
Die Schule verfolgt das Ziel, diakonisch-soziales Lernen in der gesamten Schulzeit mit unterschiedlichen Schwerpunkten und Praktika in sozialen Einrichtungen, zur Vertiefung, anzubieten. Das Praktikum eröffnet für die Schüler in der Auseinandersetzung mit anderen Menschen die Möglichkeit, sich selbst neu zu erleben. Das Angebot, seine eigenen Möglichkeiten und Grenzen im Umgang mit anderen Menschen zu erfahren, ist unmittelbarer als im herkömmlichen Unterricht.
Empirische Studien zeigen auf: Wenn Schülerinnen und Schüler
Diakonie lernen, wollen sie Diakonie tun. Sie wollen wissen, wie „man
in einer solchen Hilfsbedürftigen - Situation richtig anpacken
kann“.
Damit soll in den Jugendlichen die Bereitschaft geweckt werden, den
Nächsten in seinen Fähigkeiten, aber auch in seiner Hilfebedürftigkeit
zu erkennen und zu bejahen. Diese Hinwendung soll dazu führen,
dass die Schüler/innen Verständnis für die Notwendigkeit
diakonischer - sozialer Arbeit und für ihre eigenen Möglichkeiten
und Grenzen dabei bekommen.
Dazu kommt noch ein eigenes Fach „Diakonie/ diakonisch-soziales Lernen“. Jugendliche können dabei entdecken, was die Bibel mit der Sympathie Gottes für die Schwachen meint und inwiefern Glaube vermeintliche Schwächen in Stärken zu verwandeln vermag, wie etwa die Fähigkeit zu trauern oder das Eingeständnis eigener Ohnmacht angesichts unausweichlicher Situationen von Krankheit und Tod.
Es geht um eine Schule, in der ein christlich begründetes Verständnis
von Welt und Mensch beheimatet ist. Bei den beteiligten jungen Menschen
werden unter anderem folgende Lernprozesse im diakonisch- sozialen Schwerpunkt,
der von allen Fächern aufgegriffen werden soll, unterstützt:
– den Abbau von Unsicherheit, die Stärkung von Selbstbewusstsein
und Selbstvertrauen,
– das Bewusstsein für soziale Grunderfahrungen: etwas Sinnvolles
tun, die eigenen Grenzen kennen lernen etc.,
– die Auseinandersetzung mit Werten und Orientierungen, bewussteres
Wahrnehmen des eigenen Wert- und Überzeugungssystems, weitere Anstöße
für die Persönlichkeitsentwicklung
– soziale Kompetenzen: auf andere zugehen, mit anderen zusammenarbeiten
etc.,
– das Kennen lernen von Menschen in ihrer Verschiedenheit, –
das Sozialverhalten der Lerngruppe.
Hausgemeinschaften (Diakonie)
Das Thema „Diakonie und Bildung“ wird uns im zukünftigen Alltag im Gebäude des Evangelischen Gymnasiums und Werkschulheims in Simmering immer wieder begegnen. Hier verwirklichen wir ein innovatives Projekt für Menschen im Alter. Es soll ein Modell für die Zukunft der Altenhilfe sein.
Das Grundkonzept sieht vor, dass drei Hausgemeinschaften mit je 13
Menschen im Alter in das Evangelische Gymnasium mit diakonischem Schwerpunkt
integriert werden. Begegnungen werden stattfinden und diese sollen auch
gelingen. Das diakonische Lernen kann als Markenzeichen der zukünftigen
Identität dieses Hauses gesehen werden.
Wichtig ist, dass Diakonisches Lernen in einer gut „vorbereiteten
Umgebung“ initiiert wird. Es sind nicht nur die jungen Menschen,
die zum Lernen angehalten werden. Alle MitarbeiterInnen, LeiterInnen
und Lehrtätigen werden das Konzept gemeinsam tragen müssen,
um es wirksam werden zu lassen.
Es kommt zu gegenseitigem Lernen und zur Bereicherung der eigenen Sichtweise. Menschen im Alter haben durch die gut vorbereiteten Begegnungen mit SchülerInnen die Chance, ihre persönliche Sicht über die „heutige Jugend“ zu verändern. Es gibt die Möglichkeit zum Dialog. Die Rückschau und das Erzählen aus der eigenen Lebensgeschichte geben ihnen das Gefühl wertvoll zu sein. Die Möglichkeit jungen Menschen beim Leben im Schulgebäude zuzusehen, kann für diese hochbetagten Personen eine lustvolle Abwechslung im Alltag darstellen. Austausch über vergangene Zeiten ist für die meisten Menschen im Alter eine Freude.
Das Lernen am Gegenüber ist immer eine Bereicherung, besonders für junge Menschen. Der Wertewandel in den nachkommenden Generationen kann vor allem durch eigene Erfahrung stimuliert werden. Es gibt die Möglichkeit zu einem besonderen Dialog. Die Persönlichkeitsbildung und menschliche Qualifizierung erfolgt durch Begegnung. Aufgrund der gemachten Erfahrungen im Evangelischen Gymnasium kann sich die Berufswahl der SchülerInnen verändern. Was die Zusammenarbeit des Evangelischen Gymnasiums mit dem Diakoniewerk ergänzt, ist die jahrelange Erfahrung des Diakoniewerkes in der Aus- und Fortbildung; z.B. die Fachschule für Altendienste und Pflegehilfe in Gallneukirchen und Salzburg.
Das Evangelische Diakoniewerk Gallneukirchen hat das Modell der Hausgemeinschaften gewählt um für Menschen im Alter aktiv zu werden. In den Häusern für Senioren des Diakoniewerkes in Graz und Wels wird diese neue Wohnform bereits baulich verwirklicht und 2005 besiedelt. Diese bereits gestalteten Hausgemeinschaften orientieren sich weitgehend am normalen Wohnbau und sind möglichst zurückhaltend im Hinblick auf den institutionellen Charakter.
Lebensqualität für Menschen im Alter zu schaffen, bedeutet
ihnen eine Umgebung zu bieten, in der Orientierung, Schutz und eine
weitgehend normale Lebensgestaltung möglich ist.
Lebensqualität entsteht auch durch die qualitätvolle Art der
Begegnung, Betreuung und Pflege.
Hausgemeinschaften sind
• überschaubare Wohnangebote für Menschen mit Betreuungs-
und Hilfebedarf.
• eine an der Normalität orientierte Wohnform.
• familienähnliche Gruppen mit permanent anwesenden Bezugspersonen.
• Wohnformen, die sowohl Gemeinschaft als auch Privatheit und
Intimität gewährleisten.
• dezentral. Es sind keine herkömmlichen Anstaltsstrukturen.
• Die Zubereitung des Essens erfolgt in den jeweiligen Wohnungen.
• Der Alltag orientiert sich an „normalen“ Tätigkeiten
(Haushalt, Feste,…)
• Jede Hausgemeinschaft hat Zugang zu einer eigenen Terrasse.
Entscheidend für das neue Konzept ist der gleichzeitige Einsatz unterschiedlicher fachlicher Kompetenzen:
• Neben hauswirtschaftlichem Personal wird die Arbeit von einer festen Bezugsperson, der AlltagsmangerIn, getan. Sie/er erledigt unterschiedliche Arbeiten wie Kochen und Haushalt, er/sie sorgt für eine gute Wohnatmosphäre.
• Die AltenfachbetreuerInnen leisten z.B. Unterstützung bei der Körperpflege, beim Anziehen, bei der Mobilisation, sie erstellen Biographien und sind für die fachliche Begleitung von Menschen mit Demenz zuständig.
• Das Diplomierte Gesundheits- und Krankenpflegepersonal ist für behandlungspflegerische und medizinische Tätigkeiten zuständig die nach individuellem Bedarf erbracht werden. Wichtig ist aber, dass der Pflegeprozess weiterhin professionell gesteuert wird und im akuten Situationen eine gute medizinische Versorgung möglich ist.
Pfr. Mag. Arno Preis
Schultheologe, Geschäftsführer des Evangelischen Schulwerkes
A.B. Wien
