Diakonisches Lernen am Evangelischen Gymnasium
„Diakonie lernen“ als Persönlichkeitsbildung
Verschiedene Untersuchungen zeigen, dass Schülerinnen nach gelungenen
diakonischen Praktika ein verändertes Sozialverhalten an den Tag
legen können. Schülerinnen greifen tatsächlich zu, um
anderen Menschen, auch Mitschülern, zu helfen.
Erstaunlich sind auch die Verschiebungen in der Motivation der Schülerinnen.
Schülerinnen gehen an „schwierige Einsatzorte“, weil
„es 'Spaß' macht, nicht weil sie sich opfern wollen“.
Diese Orientierung, weg von der extrinsischen („gute Noten“)
hin zur intrinsischen Motivation („helfen um seiner selbst willen“),
wird auch in anderen Untersuchungen zum sozialen Lernen bestätigt.
Wenn Schülerinnen erfahren, dass ihr konkretes Handeln die Not
anderer lindert, trägt ihr Handeln die Belohnung in sich selbst.
Diese Haltung legt Jesus auch seinen Schülerinnen nahe, wenn er
sagt: „Lass deine linke Hand nicht wissen, was die rechte tut…
dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir’s vergelten“
(Mt 6,3)
Der große Lernpsychologe des sozialen Lernens,
Bandura, erklärt dieses Phänomen wie folgt:
Jugendliche lernen „am Modell“. Wenn sie sehen, dass helfen,
trösten, versorgen etc. anderen Menschen erfolgreich hilft, beginnen
sie diese Praxis selbsttätig auszuführen. Wenn soziales Handeln
das gewünschte Resultat nach sich zieht, wird eine soziale Handlung
in das eigene Handlungsrepertoire überführt. Eine extrinsische
Motivation zum Handeln ist dann nicht notwendig. Das Erleben des Erfolges
der sozialen Handlung ist eine hinreichende Motivation.
Nachdem praktisches und theoretisches Lernen von Diakonie miteinander
verbunden wurde, steigt der Status von „Diakonie“ bei den
Schülerinnen.
Ein Missverständnis: Diakonie ist weit mehr als „Armenfürsorge“
Worum geht’s bei „Diakonie lernen“? Ein gängiges
Missverständnis ist die Gleichsetzung von Diakonie mit Armenfürsorge!
Diakonie lernen ist jedoch mehr als Sorge für Bedürftige unter
dem Dach der Kirche. Dieses verkürzte Verständnis von Diakonie
wurzelt in der Entwicklung der Diakonie im 19. Jahrhundert. Nachdem
der lutherische Pfarrer Theodor Fliedner „Diakonie“ auf
die kirchliche Tagesordnung setzte, entstanden große diakonische
Einrichtungen. Diese Einrichtungen hatten soviel Einfluss, dass das
Wort „Diakonie“ als Synonym für „Armenfürsorge“
selbst in der katholischen Caritas gebraucht wurde.
Sehen wir in die biblische und reformatorische Zeit zurück, so wird schnell deutlich, dass diakonisches Handeln immer mit dem Lernen und Lehren des Wortes von Gott verbunden ist. Beispiel Martin Luther: In seinen Predigten schildert er den Zusammenhang von Tun und Lehren am Beispiel der ersten Diakone: Zunächst besteht der Dienst eines Diakons für ihn darin „zeitlich Nahrung“ und „Güter auszuteilen“. Luther greift hier eine neutestamentliche Bedeutung von „diakonein“ als „Tisch-Dienst“ (Apg 6,2) auf. Zugleich sind für ihn die ersten Diakone – Philippus und Stephanus – immer auch hervorragende Lernende und Lehrende des Wortes von Gott (Apg 8,5-25). „Aber Sankt Stephan steht fest und gibt Macht mit seinem Exempel einem jeglichen, zu predigen, an welchem Ort man hören will, es sei im Haus oder auf dem Markt und liest Gottes Wort“. Mit einem Bild gesprochen: Der „Dienst am Tisch“ und der „Dienst am Wort“ sind unlösbar miteinander im Begriff der Diakonie verschmolzen. Luther führt dies immer wieder mit der Figur des Stephanus exemplarisch vor Augen, hinter dem er Christus als Diener (diakonos) und Lehrer erblickt.
Das, was die Bibel und Luther an der Figur des Diakons Stephanus schildern, ist nichts anderes als die Verdeutlichung eines theologischen und zugleich lernpsychologischen Prinzips: Diakonisches Handeln vermittelt („mediatisiert“) das Denken, Einstellung und Glauben der Handelnden. Neutestamentler bestätigen diesen Zusammenhang: Diakonie im neuen Testament meint nicht Selbstaufopferung, sondern „eine je nach Kontext vermittelnde oder mittelnde Tätigkeit“.
Diakonisch-soziales Lernen in der Schule - Perspektiven und Ziele
Diakonisch-soziales Lernen ist pädagogische Reaktion
auf die zunehmende Tendenz zu Individualisierung und Entsolidarisierung
(soziale Verantwortungslosigkeit, Gewalt-bereitschaft). Ziel ist es,
in einer Gesellschaft Haltungen zu entwickeln, die Defizite im sozialmoralischen
Bereich abfedern.
Sozialverpflichtende Werte werden häufig nicht mehr erlebt, so
dass Unterricht um eine spezifische soziale Erlebnisdimension zu erweitern
ist (schulische Inszenierung sozialer Lernarrangements).

Für die Schüler und Schülerinnen bedeutet
dies eine Horizonterweiterung des bisherigen Erfahrungsraumes: die Erfahrung,
dass es möglich ist, anders und unter anderen Bedingungen zu leben.
Schulleitendes Bildungsziel aller Gegenstände ist das Erreichen
von Handlungskompetenz für die Schüler und Schülerinnen.
In evangelischer Perspektive meint dies einen Zusammenhang von Lernen,
Wissen, Können, Wertbewusstsein und Handlungsfähigkeit unter
dem Horizont sinnstiftender Deutung. Das Proprium dieser Bildung liegt
in der Persönlichkeitsbildung. Diakonisch-soziales Lernen leistet
einen genuinen Beitrag zur Ausbildung von Personaler und Sozialer Kompetenz.
Diakonisches Lernen ist mehr als ein singulärer Prozess und muss
deshalb in allen Klassenstufen in seinen Basiselementen verankert werden.
Diakonisches Lernen erfordert die ohnehin bildungspolitisch gewollte
Öffnung von Schule (Lernen an außerschulischen Orten) und
ermöglicht fächerübergreifenden und fächerverbindenden
Unterricht.
Diakonische Bildung als Persönlichkeitsbildung geht aus von der
Menschenfreundlichkeit Gottes, wie sie in der Liebe Jesu zu den Menschen
ihren Ausdruck findet, und dem Gebot der Nächstenliebe. Sie zielt
auf die Ausbildung von Solidarität und bürgerschaftlichem
Engagement. Dies beinhaltet auch die Reflexion über die Möglichkeiten
der Gestaltung einer humanen und gerechten Gesellschaft und den individuellen
Anteil daran.
Soziales Engagement soll als Bindeglied der Gesellschaft von den Schülerinnen und Schülern erkannt und soziale Sensibilität und die Bereitschaft zu sozialer Verantwortungsübernahme geweckt werden. Soziale Sensibilität beinhaltet auch Reflexion der Ziele diakonisch-sozialen Lernens: Geht es um ein Individualisieren von Mitleid oder auch um das Verstehen genereller Strukturen?
Diakonische Bildung gibt Anstöße für
die Entwicklung eines Selbstkonzepts.
Es ermöglicht die Erfahrung:
- Gebraucht zu werden und Hilfe zu brauchen.
- Neue Perspektiven zu gewinnen und Vorurteile abzubauen.
- Fähigkeiten und Kompetenzen zu besitzen, die im außerschulischen
Raum auch für andere bedeutsam sind.
- „Mensch-Sein“ im ganzheitlichen Sinne zu erleben und an
eigene Grenzen zu stoßen (sich als fragmentarisch zu erkennen
und davon abgeleitet den anderen nicht von seinen Fehlern her zu sehen,
sondern von seinen ausstehenden Möglichkeiten)
Die Begegnung mit menschlichem Leid - im weiten Sinne
- ist der Ort fundamentaler Fragen nach dem, was das Menschsein und
das Leben ausmachen und was das Leben aus dem Menschen macht. Diakonisches
Lernen ermöglicht so mit anderen zu sich selbst zu kommen, voneinander
zu lernen, anstatt lediglich Wissen übereinander zu bekommen.
Leid konfrontiert mit der Frage nach Grund und Sinn. Die Erfahrungen
im diakonisch-sozialen Lernen verweisen damit auf die Leitfragen des
Religionsunterrichts und weisen dem diakonisch-sozialen Lernen eine
Zentralstellung im Unterricht zu.
Unterrichtsgegenstand Gelebte Diakonie
Ziel: Schülerinnen sollen durch eigene Beschäftigung bzw.
eigenes Erleben diakonisches Handeln nachvollziehen können.
Der geschichtliche Hintergrund auf dem dies entstanden ist, soll dabei
nicht vernachlässigt werden.
Grobplanung:
Diakonie in meiner Nähe: Schülerinnen sollen in ihrer eigenen
Umgebung nach Möglichkeiten diakonischen Handelns suchen.
Diakonie als Projekt in meiner Stadt: Schülerinnen erleben einen/mehrere
diakonische Einsätze in einem Pensionistenheim.
Diakonie weltweit: An einem konkreten Projekt der Diakonie Österreich
mitarbeiten.
Momentan aktuell: Schulpartnerschaft in Südindien?
Um die Erlebnisse, Ergebnisse und Erfahrungen festzuhalten,
soll ein Diakonietagebuch geführt werden. Unterteilt in die oben
genannten drei Bereiche, in der Arbeitweise eines Portfolios. Jeder
Schüler und jede Schülerin beschreibt kurz den Verlauf seiner
Arbeit und verschriftlicht das Ganze in einem Worddokument. Dieses wird
von allen Schülerinnen gesammelt und als Gesamtordner dann in eine
präsentierbare Form gebracht.
Mag. Heike Wolf