Die unverbindliche Übung „Gelebte Diakonie“ bietet den Schülern und Schülerinnen die Möglichkeit Menschen, die sich in einer ihnen fremden Lebenssituation oder Lebensphase befinden, zu begegnen. Die Schüler und Schülerinnen sind durch den direkten Kontakt mit Menschen, herausgefordert ihre ethischen Werte zu artikulieren, ihren Standpunkt zu finden und ihn mit den der anderen Schüler und Schülerinnen zu vergleichen, das Für und Wider zu besprechen, und im gegebenen Fall neu zu definieren. In diesem Reifungsprozess möchte ich die Schüler und Schülerinnen begleiten und sie mit Menschen mit professioneller Ausbildung und konkreter Erfahrung in Kontakt bringen, die einfühlsam und ehrlich ihre Aussagen ernst nehmen und die versuchen Wege mit ihnen zu finden, die sie umsetzen können.
Mutig ist es sich dieser Erfahrung zu stellen und es ist gewiss ein
Erlebnis auch klassenübergreifend, mit Freunden in einer vertrauensvollen
und rückhaltspendenden, auch fröhlichen Gemeinschaft, sich
gemeinsam auf dieses Abendteuer einzulassen.
In den Gesprächen werden Erfahrungen ausgetauscht, Eindrücke
mitgeteilt, Unsicherheiten und Ängste besprochen, Freude geteilt.
Die Erfahrung, miteinander unterwegs zu sein, sich von einer Gemeinschaft
getragen zu wissen, setzt Kreativität und Spontaneität frei
und schafft Raum für neue Ideen, die im vorhinein nicht absehbar
sind.
Die ehrlichen Berichte von engagierten Menschen berühren die Schüler
und Schülerinnen. Sie hören und sehen wie diese Menschen sind
und bekommen Impulse für ihr eigenes Leben. Sie lernen von und
durch andere Menschen, dass das Leben schön und wertvoll ist. Sie
lernen Verantwortung zu übernehmen und andere mit ihren Gaben zu
bereichern.
Mit ein paar Stichworten möchte ich einige Bereiche aufzeigen:
Obdachloser Mensch - Tischgemeinschaft
Behinderter Mensch – Würde
Trauender Mensch – Hoffnung
Alter Mensch – Anerkennung
Straßenkinder – Geborgenheit
Mensch auf der Flucht – Freiheit
Betrogener Mensch - Gerechtigkeit
Obdachloser Mensch - Tischgemeinschaft
Im Dezember 2004 wurde das Projekt: „Care
Pakete für das Häferl“ in der Oberstufe durchgeführt.
Diakon Michael Kamauf von der Diakonie-Wien hat das Häfel und die
Arbeit die dort geschieht vorgestellt.
Das Häferl ist eine soziale Einrichtung für Haftentlassene
und wird als „begleitete Selbsthilfegruppe“ bezeichnet.
Ziel des Projektes war es, den Schülern durch Fallbeispiele zu
zeigen, wie schnell ein Mensch, durch Arbeitsverlust, Krankheit, konfliktreiche
Beziehungen, mangelnde Ausbildung und Armut, straffällig werden
kann und wie schwer bis unmöglich sich ein haftentlassener Mensch
wieder in die Gesellschaft eingliedern kann.
Ein Schwerpunkt dieses Projektes war es, für das
alljährliche Weihnachtsfest im Häferl,
Geschenkspakete zusammenzustellen und diese, bei einem familiären
Fest, mit warmen Essen, besinnlicher Musik und Lesungen, zu überreichen.
20 Care Pakete sind es geworden, die von betroffenen Menschen in Empfang
genommen wurden.
Behinderter Mensch - Würde
Lisa-Marie Mahr, eine Schülerin, die an der unverbindlichen Übung
„Gelebte Diakonie“ teilgenommen hat, schreibt:
„Mein Wunsch war es, in einem Diakoniewerk für behinderte
Menschen zu arbeiten.
Meine Diakoniegruppe unterstützte mich und erteilte mir Ratschläge,
die ich wunderbar gebrauchen konnte.
Anfänglich etwas unsicher, haben mich aber dann sowohl die positiven
wie auch die negativen Erfahrungen in meiner Persönlichkeit gestärkt.
Besonders schön für mich war das Leuchten in den Augen von
Menschen, die glücklich waren, weil ich bei ihnen war.
Ich habe gelernt mit diesen lieben Mitmenschen umzugehen und die Angst
in mir, die viele von uns verspüren, abzulegen.
Meiner Meinung nach sollte jeder von uns die Chance nützen, um
diese Erfahrungen zu erleben, denn dann würden wir alle vielleicht
auch besser mit Menschen umgehen können, die einfach anders sind.“
Trauender Mensch – Hoffnung
„Selig sind, die da geistlich arm sind;
denn ihrer ist das Himmelreich.
Selig sind, die da Leid tragen;
denn sie sollen getröstet werden.
Selig sind die Sanftmütigen;
denn sie werden das Erdreich besitzen.
Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit;
denn sie sollen satt werden.
Selig sind die Barmherzigen;
denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.
Selig sind, die reines Herzens sind;
denn sie werden Gott schauen.
Selig sind die Friedfertigen;
denn sie werden Gottes Kinder heißen.
Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden,
denn ihrer ist das Himmelreich.“
(Matthäus 5, 3-10)
„Begegnung mit Afrika“
Die Schüler und Schülerinnen konnten im Februar diesem Vortrag
von Frau Gerlinde Horn lauschen.
Sie erfuhren wie junge Frauen versuchten an die Elfenbeinküste
zu gelangen, um dort durch Prostitution Geld zu verdienen, da es für
sie im eigenen Land keine Arbeitsmöglichkeit gab.
Beeindruckt war Frau Horn von der Idee des Geistlichen, Reverend Ohemeng
Boakye. Er wollte den jungen Frauen durch eine Ausbildung in Hauswirtschaft,
Nähen, Ernährungslehre usw. eine Möglichkeit bieten,
sich ihren Lebensunterhalt zu Hause zu verdienen.
Einprägsam waren die Worte von Frau Gerlinde Horn:
„Geht nicht betteln,
geht nicht betteln,
betteln ist minderwertig!“
Die Schüler und Schülerinnen konnten hören und sehen
wie Menschen ihrer Würde bewusst wurden. Ein Mensch kann sich nicht
mit einer ausgestreckten Hand entfalten, sondern durch eine Aufgabe,
die ihm ermöglicht, sein eigenes Geld durch ehrenvolle Arbeit zu
verdienen.
„Nicht die Form zu leben ist es,
was den Menschen ausmacht.
Der Mensch ist das Herz
und sie wissen ihr Herz zu verschenken.
Der Mensch ist Würde
und sie haben welche.
Der Mensch ist Ehre
Und sie haben welche.“
Gerlinde Horn
Begegnung mit alten Menschen

Die Schüler und Schülerinnen können das ganze Jahr hindurch
alte Menschen in der Senioren-Residenz am Kurpark Oberlaa besuchen.
Dankbar bin ich für die Gespräche mit Frau Mag. Alexandra
Raidl, die Kulturreferentin des Hauses. Sie hat mit viel Begeisterung
dieses Projekt begrüßt und mehrmals die Schüler und
Schülerinnen durch die Residenz geführt. Während den
Führungen hat sie einfühlsam und jugendgerecht den jungen
Menschen durch Beispiele erklärt, dass ein alter Mensch auch eine
Vergangenheit hat und auch einmal jung war. Damit hat sie behutsam uns
Jüngeren den natürlichen Lebenszyklus, in dem auch wir eingeschlossen
sind, nahe gebracht. Den Jugendlichen wurde es deutlich: „Ich
werde auch einmal alt sein.“ Somit waren die Schüler und
Schülerinnen abgeholt und auf die Begegnung mit alten Menschen
vorbereitet.
Dankbar bin ich auch für Frau Sabine Schieler, eine ehrenamtliche
Mitarbeiterin der Diakonie im Besuchsdienst. Sie bietet den Senioren
eine Gesprächsrunde an, an diese haben wir uns angeschlossen. Wir
haben uns über die herzliche Aufnahme gefreut.
Nachdem die erste Hemmschwelle beider Seiten überwunden war, berichteten
die alten Menschen über ihren Lebensalltag, ihre Hobbys und erkundigten
sich bei den jungen Menschen über deren Interessen.
Die Schüler und Schülerinnen erfuhren, dass im Leben eines
Menschen nicht alles so läuft, wie man es sich erwünscht und
erhofft hat. Durch die Kriegszeit mussten Trennungen und Verluste verarbeitet
werden. Die Erfahrung der Entbehrung hat die ältere Generation
gelehrt mit Gütern sorgfältig und sparsam umzugehen.
Eine ältere Dame sagte: „Wir hatten schwere Zeiten, aber
wir hatten Boden unter den Füßen. Die Jungen Menschen heute
haben keine Sicherheiten mehr.“
Aus den Gesprächen lernen die Schüler und Schülerinnen,
wie Menschen in einer anderen Zeit versucht haben, zurecht zu kommen
und was ihnen das Leben gelehrt hat: „ Jeder kann einmal hinfallen,
wichtig ist es aber wieder aufzustehen!“
Durch die Begegnung mit diesen lebenserfahrenen Menschen können
wir Jüngeren lernen, dass nicht die Not das Ausschlaggebende ist,
sondern wie man mit ihr umgeht.
Mag. Danielle Carrara