Unverbindliche Übung „Gelebte Diakonie“
Das Evangelische Gymnasium hat den Schwerpunkt diakonisch-soziales
Lernen. In der unverbindlichen Übung „gelebte Diakonie“
nehmen SchülerInnen freiwillig teil.
In dieser Übung steht der Wille zur Begegnung im Vordergrund.

Ein ganz neues architektonisches Konzept verbindet Jung und Alt. Über unserer Schule befinden sich drei Hausgemeinschaften. Diese Hausgemeinschaften sind eine Einrichtung des Evangelischen Diakoniewerkes Gallneukirchen und bieten individuelle Betreuung und Pflege für Menschen im Alter an. Das Motto der Hausgemeinschaften ist „Leben wie in einer Familie“. Das Besondere an diesen Hausgemeinschaften sind ihre überschaubare Größe und die Bewahrung der Individualität der BewohnerInnen. Jede/r Bewohner/in hat innerhalb der geräumigen Wohnung ein eigenes Zimmer mit ca. 22m2 inklusive Vorraum, eigenem Duschbad und WC. Die Privaträume sind um einen großzügigen Gemeinschafts- Wohn-/Essbereich und einer offenen Küche als Mittelpunkt angelegt. Dort spielt sich das alltägliche Leben der Hausgemeinschaft ab.

Von der Schule aus konnten die SchülerInnen die SeniorInnen auf den Balkons der Hausgemeinschaften beobachten und ungekehrt die SeniorInnen von ihren Balkons die SchülerInnen in der Schule. Sehr schnell wuchsen die Neugierde der SchülerInnen und der Wille zur Begegnung mit den alten Menschen.
In einem Klima des Vertrauens, das unbedingt notwendig ist, um sich zu öffnen, bereiteten wir uns auf den Besuch vor. Wir ließen einen ganz normalen Alltag Revue passieren und stellen fest, wie viele Menschen uns begegnet waren, wie viele Menschen uns den Alltag bereichert hatten (liebevoll gedeckter Frühstückstisch, schriftlicher „guter-Morgen-Gruß“ am Küchenkasten, öffentliche Verkehrsmittel, die uns zur Schule bringen, LehrerInnen, die uns den Lernstoff vermitteln, Essen, das zubereitet wurde, FreundInnen, die zu uns stehen und vieles mehr). Wir stellen fest, welche Herausforderungen zu bewältigen waren (verletzende Worte, vergessene Hausübung, enttäuschte Erwartungen usw.). Wir realisierten, wie sehr wir Dienste anderer Menschen in Anspruch nehmen und wie gut wir in eine Gemeinschaft eingebunden sind.

Mit dieser ersten Wahrnehmung gingen wir in die nächste Übung: Wie geht es mir mit einer körperlichen Einschränkung? Durch Rollenspiele erlebten wir solche Einschränkungen und konnten uns ein genaueres Bild machen über die Bedürfnisse der Betroffenen und unser Verhalten korrigieren (deutliches Sprechen, behutsames Führen, Hindernisse aus dem Weg räumen, Raum gestalten, Berührungen ankündigen und wagen).

Gut vorbereitet, von der Leiterin, Frau Barbara Notnagel, herzlich willkommen geheißen, von der Tagesmanagerin, Frau Irmgard Schandl, empfangen, traten wir in das Herz einer Hausgemeinschaft ein. Wir wurden mit großem Interesse erwartet. Wir teilten uns auf die Tische auf, an denen die alten Menschen Platz genommen hatten, und stellten uns vor. Diese freuten sich über die Abwechslung und stellten viele Fragen. Einige wurden sehr schnell persönlich und gewährten Einblick in ihre Gefühlswelt. Einige SchülerInnen waren sehr berührt von dieser Offenheit und Echtheit und gaben ihrerseits Erlebnisse preis.

Nach dieser ersten Begegnung besprachen wir das Erlebte und äußerten uns über unsere Gefühle und Betroffenheit. Wir hatten die Freude und Dankbarkeit der alten Menschen erlebt und das Gefühl Gutes getan zu haben, beflügelte uns. Wir planten das nächste Treffen und vor allem einigten wir uns auf ein Thema. Vanessa Janda wollte unbedingt ihr Haustier den alten Menschen vorstellen.

Mit Namenschildern, um das Ansprechen zu erleichtern,
gingen wir in Begleitung von Vanessas Hund, Kiri, in die Hausgemeinschaft.
Die Idee von Vanessa war ein voller Erfolg. Die BewohnerInnen erinnerten
sich an ihre eigenen Haustiere, hatten Wohlgefallen am Streicheln und
erfreuten sich an den Erzählungen der Jugendlichen.
Wieder fand ein Nachgespräch statt und die nächste Begegnung
wurde geplant.

Die Eröffnung und die Segnung der Hausgemeinschaften Erdbergstraße waren für den 31. Jänner 2008 geplant. Wir überlegten uns, wie wir miteinander diesen Gottesdienst aktiv mitfeiern könnten. Gemeinsam musizieren war unser nächster Höhepunkt. Mit Gitarre, Querflöte, Geige und Orff Instrumenten luden wir die alten Menschen ein mitzusingen, zu musizieren oder auch nur einfach dabei zu sitzen und aufzunehmen.
Auch wenn nicht alle alten Menschen sichtbar aktiv mitmachen, geht in ihnen viel vor. Ihre Augen tun ihre Freude kund. Eine Seniorin die scheinbar nur dabei saß, wollte kurz vor unserem Weggehen unbedingt die abgedruckten Lieder behalten, um sie ihrem Sohn beim nächsten Besuch zu zeigen.
Beim Festakt selbst gingen die SchülerInnen auf die alten Menschen zu und luden sie zum Musizieren ein. Über die Freude eingeladen zu sein, bewegt durch das gemeinsame Musizieren und die Beiträge älterer SchülerInnen war dieser Gottesdienst ein berührendes Erlebnis.
Auch die SchülerInnen nahmen die ausgesprochenen
Anerkennungen von TeilnehmerInnen über ihr musikalisches Können
wohltuend zur Kenntnis. Ihre Bereitschaft Zeit zu schenken, Begegnung
zu erleben, sich persönlich für ein Fest zu engagieren, trug
Frucht.
Mit einem Satz von Martin Buber möchte ich schließen:
„Alles wirkliche Leben ist Begegnung“.
Mag. Danielle Carrara