Diakonisch - soziales Schulprofil

 

Intergenerationelles Lernen –
Geragogisches Praktikum für SchülerInnen der Oberstufe

Das Projekt intergenerationelles Lernen – geragogisches Praktikum entstand als Erweiterungsbereich des Wahlpflichtgegenstandes Psychologie und Philosophie und wurde dann als eigenständiges geragogisches Praktikum für SchülerInnen der Oberstufe ausgebaut. Wesentlich war und ist die Konzeption von gut vorbereiteten Lerninhalten in Kombination mit der direkten Begegnung und dem Erfahrungsaustausch mit älteren Menschen. Grundlegend ist, dass alle Beteiligten am Projekt mit neuen Lernerfahrungen und der Reflexion in Bezug auf die eigene Identität konfrontiert sind und es Möglichkeiten zum Dialog mit verschiedensten Gesprächsschwerpunkten gibt.

Diese Auseinandersetzung mit der Lebensgeschichte älterer Menschen soll nachhaltig die eigene Perspektive beeinflussen und Chancen eröffnen, die jeweiligen gesellschaftlichen Altersbilder und Stereotype zu überdenken und sich aktiv damit auseinander zu setzen.

„Die Generationen brauchen einander und lehren und lernen miteinander.“
In diesem Sinne wird die Thematik intergenerationelles Lernen ein Thema bleiben, das uns am Evangelischen Gymnasium und Werkschulheim auch in der Zukunft begleiten wird.

Im Bezug auf das geragogische Praktikum stellt einerseits die Institution Schule ein intergenerationelles Lernfeld dar. Andererseits fanden die Lernprozesse in einer strukturierten und vorbereiteten Umgebung statt.
Die Auseinandersetzung mit der Thematik Alter und Altern erfolgte auf inhaltlich-didaktischer Ebene in der Schule. Andererseits galt es in konkreten Begegnungen und Gesprächssituationen bewusste Interaktionen in Gang zu setzen und Lernprozesse zu begleiten.
Die SchülerInnen lernten andere Sichtweisen kennen und setzten sich mit wichtigen lebensgeschichtlichen Ereignissen der SeniorInnen auseinander. Gleichzeitig wurden aktuelle Lebenssituationen und Tagesthemen besprochen, was eine kritisch-reflexive Auseinandersetzung für alle Lernenden bedeutete.
Die SchülerInnen hatten zusätzlich die Aufgabe selbstständig zu einem bestimmten Gesprächsthema (Fernseh- und Rundfunkgeschichte, Alltag in der Nachkriegszeit, neue Medien, umwelt- und tagespolitische Themen, Freundschaft und Liebe, Jugendliche einst und jetzt) die Moderation zu leiten und sich mit den unterschiedlichen Sichtweisen auseinanderzusetzen.


SchülerInnen sprechen über typische Alltagsgegenstände
und Bilder der 50-er Jahre

Wesentlich dabei war die Auseinandersetzung mit den Begriffen Identität und Selbstbild.
Was bedeuten diese Begriffe für Jugendliche und was bedeutet Identität im Alter? Welche Selbstbilder von Alt und Jung prägt unser Selbstverständnis? Unsere Identität wird oft in Verbindung mit unseren sozialen und beruflichen Rollen definiert.
Intergenerationelles Lernen bietet hier die Voraussetzungen verschiedene Lebens- und Zeitperspektiven zu eröffnen und im Hier und Jetzt sich auf den Anderen gegenüber einzustellen. Identität bedeutet also Konstrukt und Prozess, ein sich ständig weiterentwickelndes Bild vom eigenen Ich in Auseinandersetzung mit dem Du. Identität ist also einem ständigen Wandlungsprozess unterworfen.

Ferner ist für die Identitätsbildung nicht nur der selbstreflexive Prozess von Bedeutung, sondern auch die soziale Interaktion. Die Wirkung auf andere Menschen, neue Tätigkeiten und die Chance sich neuen Lebensstilen zu öffnen und darüber Rückmeldungen zu erhalten, wirkt sich positiv auf die Gestaltung von Identitäten aus. Die bewusste Auseinandersetzung der Selbstwahrnehmung für ältere Menschen und Jugendliche ist daher ein wesentlicher Lernbereich im intergenerationellen Kontext. Die Reflexion zum eigenen Alter und zur Thematik Alter allgemein bildet eine wichtige Voraussetzung bei intergenerationellen Begegnungen/Lernprozessen.

Ausgehend von der Thematik „Identität und Alter“ möchte ich auf die Elemente geragogischen Lernens verweisen. Intergenerationelles Lernen ist immer ein wechselseitiger Prozess, in dem ältere Menschen ihre bisherigen Lebenserfahrungen und ihr Wissen einbringen können. Jüngere Menschen können ihre Erfahrungswerte und Tätigkeiten aus ihrer jetzigen Lebenssituation darstellen. Somit kommt es zum ständigen Rollenwechsel zwischen Lehrenden und Lernenden.
Wichtig ist für beide Gruppen, dass sie sich gegenseitig annehmen und respektieren und die jeweilige Generation in ihrer Eigenkompetenz wahrnehmen.
Neben dem wechselseitigen Lernen sind das Bedeutungslernen, das dialektische Lernen und das Gruppenlernen wichtige Teile der inhaltlichen didaktischen Prozesse.

Die SchülerInnen setzten sich mit folgenden inhaltlichen Aspekten auseinander: Die jeweiligen Gebiete wurden mittels Gruppenarbeiten, Partnerarbeiten und selbstständigen Lernens erschlossen.
* Der alternde Mensch in der Gesellschaft
* Alterstheorien (psychologische und geragogische Modelle)
* Lebensstile – Wohnkonzepte
* Kommunikation und Reflexion
* Identität

Bei den Bildungsinhalten für ältere Menschen wurden folgende Punkte berücksichtigt:
* Beteiligung und Integration (Wissensbereich, Lebens- und Berufserfahrung, neue Medien)
* Prävention (Diskussionsrunden, Gesprächsgruppen, Aktivierung)
* Persönlichkeitsbildung (Biografisches Arbeiten, Lebensphilosophie, Lebensgestaltung)
* Förderung der selbstständigen Lebensgestaltung und Lebensqualität

Weiters soll das Kompetenzmodell als Bildungsleitlinie dienen. Die Frage ist, was ist bei SeniorInnen in der Bildung anders? Welche Kompetenzen sollen gefördert und erhalten werden und welche Kompetenzen können Jugendliche einbringen oder sich erarbeiten?
„Die nach dem Kompetenzmodell konzipierte Bildung richtet sich auf das Zusammenführen von Menschen, um Situationen zu schaffen, in denen Menschen sich gegenseitig unterstützen und in denen sie Aufgaben übernehmen, Verantwortung tragen und Sinn erfahren.“


SchülerInnnen stellen ihre Werkstücke/Schmuckstücke den
SeniorInnen im Geriatrischen Tageszentrum "Am Henriettenplatz" vor
und sprechen über ihre jetzige Ausbildungssituation

Intergenerationelles Lernen im Projekt verfolgte das Ziel, die Lernenden in ihrer Ganzheitlichkeit zu unterstützen und zu fördern und die jeweiligen Kompetenzbereiche zu nützen und zu erweitern. Wichtig dafür war ein offener Unterricht, in dem eigene Interessen und Lernstile berücksichtigt werden konnten.
Die methodische Vielfalt war für beide Gruppen von Lernenden von Bedeutung um an biografische und soziale Erfahrungen anknüpfen zu können, auf individuelle Wirklichkeiten eingehen zu können und es benötigte die Öffnung von Institutionen, die miteinander kooperierten.

Als Lehrerin und Geragogin im schulischen Bereich ist es von enormer Bedeutung junge und ältere Menschen in ihrer Eigenkompetenz wahrzunehmen, anzunehmen und mit jeweiligen didaktischen Mitteln auf die Bedürfnisse beider Zielgruppen zu reagieren.
Elemente des ganzheitlichen und offenen Unterrichts sind dabei von Bedeutung um die Zielgruppen beim Lernen anhand ihrer eigenen Lernstile zu unterstützen sowie die Veränderungen der sozialen und individuellen Wirklichkeiten zu berücksichtigen.
Biografische und soziale Lernerfahrungen prägen den Lernprozess, indem verschiedenste Kompetenzbereiche verstärkt werden sollen.
Für intergenerationelles Lernen spricht, dass das Altersbild des alten Menschen sich für jüngere wandelt und vielseitiger wird. In gemeinsamen Lernprozessen gibt es auch die Möglichkeit der sozialen Integration von älteren Menschen.
Durch Austausch und Kommunikation eröffnet sich eine Entwicklungsmöglichkeit im Hinblick auf besseres Verständnis der jeweiligen Lebenssituation und neuer Solidaritäten.

Die sozialen Interaktionen werden verbessert und gefördert, wobei bei älteren Lernenden die weniger werdenden sozialen Beziehungen positiv genützt werden können und zur Kompensation beitragen. Kognitive Kapazitäten können gefördert werden und die ganzheitliche Sicht des „Lernens – Lehrens – Wohlfühlens“ führt zu einem positiven Lebensstil.
Ältere Lerner können Erfahrungs- und Berufskompetenz einbringen und sich mit gegenwärtigen Thematiken der jungen Lernenden auseinandersetzen.
Intergenerationelles Lernen im schulischen Kontext bietet die einmalige Chance Perspektiven zu erweitern, zusätzliche Kompetenzen zu erlangen und sich in der direkten zwischenmenschlichen Begegnung neu zu erfahren und zu entwickeln.

Beeindruckend waren die Lernprozesse, die die SchülerInnen in diesem Projekt durchlaufen haben und wie sie es auch geschafft haben sich wirklich auf unsere Begegnungen einzulassen. Sie haben gezeigt, dass sie neben fachlich-didaktischen Inhalten verantwortungsvoll mit allen Beteiligten umgehen können.
Die Zielsetzungen, die intergenerationelles Lernen bewirken soll – Toleranz fördern, ein generationenübergreifendes Gesellschaftsbild vermitteln, soziale und kommunikative Kompetenzen fördern und Lebensperspektiven und Lebensqualität positiv beeinflussen – all diese Ziel wurden durch dieses schulische Projekt Jugendlichen und älteren Menschen näher gebracht.

Ich denke, dass wichtige Lernprozesse für alle Beteiligten stattfanden, auch für die Institutionen, die an diesem Projekt beteiligt waren (Geriatrisches Tageszentrum „Am Henriettenplatz“, StudentInnen der FH für Sozialarbeit), im Hinblick auf Bildungskonzeptionen und weitere Kooperationsprozesse.

Für die Lernenden, SchülerInnen und SeniorInnen waren die Begleitungs- und Reflexionsphasen neben den fachdidaktisch-inhaltlichen Lernzielen von besonderer Bedeutung.

Mir war es ein grundlegendes Anliegen eine individuelle und persönliche Begleitung für alle TeilnehmerInnen des Projektes zu ermöglichen.
Ein wichtiger Gedankensplitter einer Schülerin, der zu Beginn des Projektes geäußert wurde, ist die Aussage: „Alte Menschen sind eigen.“ Abgesehen davon, dass sich den SchülerInnen ein sehr differenzierteres Bild erschloss, ist man auch „eigen“, wenn man man selbst ist.
Dieser Selbstwerdungsprozess ist für mich mit ständigem Lernen verbunden. Das ist vielleicht auch das Kernstück und zugleich die Verbindung zum intergenerationellen Lernen, dieses Eigen-Sein, man selbst zu sein, man selbst in der Begegnung mit anderen zu werden und auf der Suche nach seinem Selbst zu sein. Dieses Selbst immer wieder neu zu suchen und zu entdecken, das wünsche ich allen Lernenden im Projekt und die Freude, durch die Begegnungen an interessanten Inhalten teilzuhaben.

Literatur:
Kolland, F.: Skriptum Geragogik – Teil 3. Wien, März 2006
Kalbermatten, U.: Bildung im Alter. In: Enzyklopädie der Gerontologie. Hrsg. v. Kruse, A. u. Martin, M. Bern 2004
Veelken, L., Gregarek, S., de Vries, B.: Altern, Alter, Leben lernen. Geragogik kann man lehren. Oberhausen 2005

(aus: Krenn, Maga.Almut Maria: Projektarbeit Intergenerationelles Lernen, Wien 2007)

 

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