"Man ist so alt, wie man sich fühlt"
Lina Daller, 6B (2010/2011)
Einen Menschen auf seinem Weg ins hohe Alter zu begleiten und ihm
eine Möglichkeit zu geben, sich zu entfalten, ihm eine Chance zu
bieten, sich weiterzubilden, ihm zuzuhören und ihn zu respektieren
- das alles umfasst der Begriff Geragogik. Geragogik setzt sich zusammen
aus: „gerontos“= der Greis und „agogik“= Führung,
Begleitung. Es geht um die Lebensgestaltung, Lebensbewältigung
und um eine Verbesserung der Lebensqualität von alten Menschen,
es ist eine Wegbegleitung und Vorbereitung auf die nächste Lebensphase.
Das erlernen und erproben die teilnehmenden Schüler und Schülerinnen
in der Unverbindlichen Übung Geragogik, geleitet von Frau Mag.
Almut Krenn.
Die Idee der Unverbindlichen Übung Geragogik entstand als Erweiterungsbereich
des Wahlpflichtfaches Psychologie und Philosophie und bietet den SchülerInnen
der Oberstufe die Möglichkeit eines geragogischen Praktikums.
Im Mittelpunkt dieser Unverbindlichen Übung stehen nicht nur Gespräche
und Diskussionen über den weitgespannten und vielseitigen Themenbereich,
den die Geragogik bietet, sondern auch die Praxiserfahrung.
Direkt über den Räumlichkeiten des Evangelischen Gymnasiums
befinden sich drei Hausgemeinschaften des Diakoniewerkes, dort werden
alte und pflegebedürftige Menschen betreut und dort finden auch
die Begegnungen der Schüler und Schülerinnen des geragogischen
Praktikums mit den alten Menschen statt.
Die Jugendlichen besuchen die Hausgemeinschaften innerhalb des Praktikums
mehrmals pro Monat und dann wird zusammen gebastelt, gejausnet und gelacht.
Je nach Jahreszeit wird zusammen Weihnachten oder Fasching gefeiert,
es werden Kekse gebacken, Ostereier angemalt oder Urlaubsfotos angeschaut.
Dabei erzählen die meisten BewohnerInnen der Hausgemeinschaften
den SchülerInnen Geschichten aus ihrem Leben, sie berichten von
ihren Kindern, ihren Enkeln und der großen Liebe, manche aber
schweigen lieber, genießen die Anwesenheit und den frischen Schwung
der Jugend und hören zu, wenn diese aus ihrem Leben erzählt.
"Intergenerationelles Lernen ist mir wichtig. Während des Praktikums haben die alten Menschen schon so viel mit mir geteilt. Es sind Erinnerungen, alte Liebes- und Kriegsgeschichten, Lebensweisheiten, Wissen, das sie an die nächste Generation weitergeben, Wissen, das nicht mehr verloren geht. Sie erzählen uns von ihren Ängsten und Problemen und ich weiß jetzt, dass das „Altwerden“ nicht einfach ist, aber Angst habe ich keine mehr davor. Viele Menschen in den Hausgemeinschaften sind in ihrem Herzen noch jung geblieben, das finde ich wichtig, schließlich ist man ja immer so alt, wie man sich fühlt“, schildert der Schüler Franz Hufnagl seine Sichtweise über das Praktikum.
Eine ähnliche Ansicht vertritt auch die Schülerin Alexandra Kraus, die seit vier Jahren an der Unverbindlichen Übung Geragogik teilnimmt und schon mehrere einzigartige Momente mit den Menschen in den Hausgemeinschaften erlebt hat: „Einmal habe ich ein Bild zusammen mit einem alten Herrn gezeichnet und es war unglaublich, wie viel Freude er dabei gehabt hat! Es fiel ihm sehr schwer selber mitzumalen, aber jeden neuen Strich, den ich gemalt habe, den hat er gebannt und mit strahlenden Augen angesehen. Interessiert für das Geragogikpraktikum habe ich mich, weil ich gesehen habe, wie viel Freude meine Oma hatte, wenn ich sie im Altersheim besuchte und wie viel Spaß die anderen Menschen dort hatten, wenn Kinder und Jugendlich auf Besuch kamen. Ich hoffe, ich kann den Seniorinnen und Senioren viel zurückgeben.“
Ab dem nächsten Jahr haben auch ganze Klassen die Möglichkeit, an der Unverbindlichen Übung Geragogik teilzunehmen.
Herr Prof. Mag. Gerald Freimuth hat mit seinen Werkklassen schon öfters die Hausgemeinschaften besucht und ist begeistert von den aufregenden zwischenmenschlichen Kontakten, die dort entstehen.
„Die Idee unserer Besuche war, dass die SchülerInnen den alten Menschen ihre Werkstücke präsentieren, so konnten sie das Gelernte in der Theorie wiederholen, eigene Erfahrungen noch einmal durchleben, ihre Praxiserfahrung wiedergeben und mit den BewohnerInnen der Hausgemeinschaften ins Gespräch kommen. Fasziniert hat mich, dass man die Anspannung der SchülerInnen vor dem ersten Besuch im Altersheim richtig spüren konnte. Viele haben eine große Aufregung vor der ersten richtigen Kontaktaufnahme mit einem alten Menschen, danach sind die meisten aber entspannt, locker und überrascht, wie viel man mit, bei und von dieser Generation lernen kann.“
In der Unverbindlichen Übung Geragogik finden Begegnungen statt – zwischen SeniorInnen, LehrerInnen und SchülerInnen; Begegnungen zwischen alten Gebräuchen und modernen Trends; Begegnungen, die uns von Krieg und Frieden berichten, die von der großen Liebe erzählen; Begegnungen zwischen Alt und Jung.